Interview

Hey Susanne, was machst du gerade?

Ich habe eben ein zweistündiges Gespräch mit einer Autorin geführt. Es geht um ihre neue Webseite. Vorher stand für mich die Einarbeitung in ihr Werk an – also Einlesen, Interviews anhören etc. Im Gespräch haben wir Fragen geklärt, das ein oder andere noch einmal reflektiert – und Dinge auf den Punkt gebracht.

Warum beginnen Projekte bei dir mit einem solch langen Gespräch – ist das immer so?

Ja, eigentlich schon, denn ich muss erst einmal ein Gefühl für den Kunden entwickeln. Und das geht am besten über ein intensives Gespräch, für das ich mir gerne alle Zeit der Welt nehme. Denn aus langem Zuhören erwachsen Inspiration und Intuition, also das Gefühl für den Kunden und seine Identität. Das brauche ich, um den Kunden grafisch zu übersetzen. So entstehen echte, individuelle und maßgeschneiderte Konzepte. Wir können auch sagen: ein Porträt des Kunden.

Ich spreche total gerne mit anderen Menschen über ihre Pläne, weil ich das spannend und inspirierend finde.

Natürlich gehen wir auch das Projekt selbst durch – wie etwa erste Details zum Aufbau einer Webseite, Kreativelemente, Illustrationen oder Fotos, Infos zu Suchmaschinenoptimierung, Texte – oder – bei einer Buchgestaltung – ein Austausch über Papier, Organisation von Lektor/Korrektor, Cover & Co.

Ein Schema F gibt es also nicht?

Nein. Schema F ist ja fast immer schlecht und in Designdingen sowieso. Gutes Grafikdesign ist immer das Ergebnis der Summe guter Details. Vor allem aber ist gutes Grafikdesign einfach und klar, denn es bringt Botschaften auf den Punkt. Wie in anderen Bereichen auch, gilt: „einfacher“ ist oft schwieriger.

Du baust also eine echte Beziehung zu deinen Kunden auf?

Genau. Ich begleite sie meist viele Jahre als „ihre Grafikerin“ und berate sie bei neuen Projekten. Mal mehr, mal weniger, mal durchgehend. Daraus erwächst dann über kurz oder lang eine richtige Beziehung, in der man denjenigen versteht, ihn mag, ganz genau weiß, wie er tickt und was ihm wichtig ist.

Da brauchst du ganz schön Energie, dass die Inspiration bleibt, oder?

Mir hilft die Vielfalt meiner Kunden. Sie stammen aus allen möglichen Branchen und Lebenswelten – aus Kunst, Kultur, Ernährung, Handwerk, Psychologie, Gesundheit – und inspirieren mich allein schon dadurch. Außerdem mache ich ja auch nicht alles alleine. Viele Projekte sind Teamarbeit. Da entsteht Dynamik und Inspiration alleine schon in der Zusammenarbeit.

Du sprichst jetzt von deinem Netzwerk?

Ja, richtig. Eine Webseite zum Beispiel ist ja oft ein Gesamtprojekt von Grafiker, Texter, Fotograf, SEO-Spezialisten, Filmemachern und natürlich dem Kunden selbst. Bei einem Buch spielen u. a. Verlage, Druckereien eine Rolle – und so kommt eigentlich immer ein inspirierendes Team zusammen. Mit dem Großteil arbeite ich ja schon seit Jahren zusammen.

Was bringt dein Netzwerk an Vorteilen für deinen Kunden?

Meine Partner sind ja nur da, wenn wir sie brauchen, wir binden sie also punktuell ein. So profitieren meine Kunden von einem überaus attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis. Das ist das eine. Das andere: mein Netzwerk besteht nur aus Leuten, denen ich hundertprozentig vertraue. Und von deren Leistung und Können ich überzeugt bin. Meine Kunden müssen also nicht lange suchen nach einem guten Fotografen, Texter oder Filmemacher. Oder einer guten Druckerei.

Warst du immer schon frei?

Was das Berufliche angeht, habe ich nach dem Grafikdesignstudium 1994 direkt mein eigenes Grafikbüro in Köln gegründet und nebenher als freie Artdirektorin im Kunstbuchverlag TINAIA9 in Florenz gearbeitet. Später dann auch noch als freie Grafikdesignerin für den DUMONT Buchverlag, die LitCologne, die Kölner Stadtmagazine Kölner Illustrierte und Stadtrevue. Ab 1996 war ich dann nur noch “frei” unterwegs.

Gibt es einen Ort, an dem du Ruhe findest?

Ich habe mit einer Freundin einen Garten mit einem wunderschönen Gartenhaus. Das ist ein ganz besonderer Ort. Idylle pur. Besonders natürlich im Sommer mit Freunden oder mit meinen beiden erwachsenen Töchtern. Die eine ist Mediengestalterin, die andere freie Fotografin – das Visuelle Gen habe ich also auch schon weitergegeben. Und natürlich ist Zufriedenheit ein schöner Ort – da halten sich alle gerne auf. Zum Beispiel dann, wenn ein gutes Projekt für alle als Gewinn erlebt wird. Oder wie ist das bei Dir?