Gespräch mit Susanne Breuer

Interview mit Wolf Alexander Hanisch 2020

Wolf Alexander Hanisch ist Reisefeuilletonist, Buchautor und Autor für die ZEIT.

GESPRÄCH MIT SUSANNE BREUER

Laut einem Bonmot ist Philosophie, wenn jemand in einem dunklen Raum mit verbundenen Augen eine schwarze Katze sucht, die gar nicht da ist. Dieser etwas obskure Ruf hat Sie nicht davon abgehalten, vor Ihrer Grafikdesign-Ausbildung Philosophie zu studieren. Wie profitieren Sie davon?

Philosophieren heißt zweifeln, hat Michel de Montaigne einmal geschrieben. Und dieses Zweifeln, dieses Hinterfragen aller Details, dieses Nicht-zufrieden-sein mit dem Vordergründigen ist eine Tugend, die vor allem in der Philosophie geübt wird. Aber nicht nur dort. Es ist auch die Voraussetzung für jedes Streben nach Vollkommenheit in gestalterischen Dingen. Kurz überlegen, flott entwerfen und es dann dabei bewenden lassen – so eine Herangehensweise führt ziemlich zuverlässig zu Dutzendware. Wenn Sie erstklassiges Design haben wollen, müssen Sie schon Freude an der Komplexität haben, die alles auszeichnet, was man mit wahrer Anteilnahme betrachtet. Womöglich ist es diese analytische und ein wenig perfektionistische Haltung, die aus meinem Interesse für Philosophie herrührt. Aber bevor Sie jetzt glauben, ich säße hier mit meinen Kunden und haderte lautstark mit der Welt: Das ist keineswegs so. Im Gegenteil. Dingen auf den Grund zu gehen ist ein großer Spaß.

Das klingt, als sei Grafikdesign mehr als lediglich Verpackung. Als seien Flyer, Cover oder Webseiten mehr als nur gefällige Bühnen …

So ist es. Gestaltung setzt Inhalt voraus. Und den besonderen Geist eines solchen Inhalts gilt es zu erfassen und so darzustellen, dass die Botschaft einerseits klar wird und andererseits emotional berührt. Denn erst dann, wenn auch das Gefühl involviert ist, können Sie eine Sache in ihrer Tiefe richtig verstehen und sie sich zu Eigen machen.

Ist Design demnach Kunst?

Das hätten manche gerne so, aber ich denke nein. Design im Allgemeinen und Grafikdesign im Besonderen sind eher ein Handwerk, das man mit besonderer Hingabe betreiben muss. Während Kunst prinzipiell frei von praktischen Zwängen ist, werden designte Objekte von ihnen ja geradezu definiert. In der Kunst begegnen wir uns selbst und im Design begegnen wir der Welt – egal, ob es sich dabei um Zahnbürsten, Kathedralen oder Webseiten handelt. Der Witz ist nur, dass wir die Welt durch Design gestalten und sie gleichzeitig durch Design begreifen, wenn diese Objekte auf uns zurückwirken. Deswegen: Design mag keine Kunst sein, aber es ist alles andere als trivial.

Aber immer unter der Voraussetzung, dass es auch kreativ ist, oder?

Schema F ist fast immer schlecht und in Designdingen sowieso. Es gebe drei Arten von Reaktionen auf ein Design, hat der berühmte amerikanische Grafikdesigner Milton Glaser einmal gesagt: Ja, nein und Wow. Die dritte Variante ist die erstrebenswerte und gelingt nur durch einen Schuss Genialität. Fehlt so eine Schöpferkraft, lässt uns eine Gestaltung kalt. Ist sie aber zu spüren, kann jedes Design zu einem großen Abenteuer werden.

Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann?

Der Sinnspruch trifft es gut. Das Überraschende ist wichtig, das Vorhersehbare Gift für jedes Design. Wenn Sie zum Beispiel ein Buchcover gestalten sollen und der Roman heißt „Das blaue Pferd“, dann ist das Ödeste, was Sie tun können, tatsächlich ein blaues Pferd abzubilden. Kreativität findet statt, wenn Sie Dinge zusammenbringen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, auf den zweiten allerdings sehr wohl. Mir hilft dabei die Vielfalt meiner Kunden. Sie stammen aus allen möglichen Branchen und Lebenswelten und inspirieren mich allein schon dadurch.